Walgesang und Lärmangriff
Festival
Studie
 

Ein beispielhafter literarischer Aufguss: am 22. November 2009 trug Frau Prof. Dr. Christina Vanja ihre Forschungsergebnisse zum Thema  „Heilsame Töne – Die Geschichte des Kurens mit Musik“ vor. In sieben Abteilungen erfuhren die Saunagäste im Lektarium Spannendes über traditionelle und zeitgenössische Beziehungen zwischen Musik und Heilkunst. Christina Vanja ist Historikerin und passionierte Saunagängerin.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen bei 45° im Lektarium der Sauna der Zukunft in der Toskana Therme Bad Sulza und hören, was Christina Vanja speziell für das Format eines literarischen Aufgusses zusammengestellt hat:

1. Musikalische Wohllaute auf dem Zauberberg Thomas Manns

„Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.“ Derart schlicht beginnt das erste Kapitel des schließlich knapp tausend Seiten umfassenden Romans „Der Zauberberg“ von Thomas Mann (1875-1955). Das Meisterwerk des Literaturnobelpreisträgers erschien 1924. Der junge Mensch ist ein junger Mann und heißt Hans Castorp. Er fährt mit der Rhätischen Bahn auf fast 2000 Meter hinauf, um seinen lungenkranken Vetter auf drei Wochen zu besuchen und sich ein wenig von seinem gerade abgelegten Examen als Schiffsbauingenieur zu erholen. Als „Hospitant“, so wird der Gast genannt, lernt er im Sanatorium Berghof schnell die eigentümlichen Gewohnheiten des Kuralltags kennen. Dabei verfällt er aber schon vor Ablauf seiner Ferien so sehr dem Zauber der Bergwelt und dem Charme der Russin Madame Chauchat, dass er sieben Jahre „hier oben“ bleibt. Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerstört den Bann dieser Zauber- und Gegenwelt.

Der Begriff Sanatorium kommt von sanare = heilen. Das Sanatorium Berghof steht also stellvertretend für die zahlreichen, zumeist sehr schönen Heilstätten, welche um 1900 nicht nur die Alpen, sondern auch Mittelgebirge, See- und Meeresufer schmückten und der Kur von diversen Leiden dienten. Thomas Mann, geboren in Lübeck, kannte das Leben in Sanatorien recht gut. Als Kind verbrachte er die Sommermonate im Seebad Travemünde. Hier gab es Kurmusik und Abendkonzerte, über welche in einem anderen großen Roman Thomas Manns, nämlich den „Buddenbrooks“, einiges nachzulesen ist. Als junger Mann (1901) begleitete er seinen Bruder Heinrich Mann, der in Berlin nach ersten schriftstellerischen Erfolgen einen nervlichen Zusammenbruch erlitten hatte. Sie fuhren nach Riva am Gardasee, wo sie im „Erholungsheim für Nervenkranke und Diabetiker“ des Dr. von Hartungen kurten. Die Eindrücke an diesem Ort verarbeitete Thomas Mann 1904 in seiner Meistererzählung „Tristan“, in der die Musik Richard Wagners eine zentrale Rolle einnimmt. Der schönen lungenkranken Kaufmannsgattin aus Hamburg Gabriele Klöterjahn ist Musik ärztlich verboten; ihre Gesundheit hängt vom seelischen Gleichgewicht ab. Auf Bitten des Mitpatienten Detlev Spinell, eines Schriftstellers, jedoch vertieft sich die „femme fragile“ am Flügel des Sanatoriums in den Klavierauszug von Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ und erleidet einen tödlichen Zusammenbruch. Als Thomas Mann seinen Roman „Der Zauberberg“ schrieb (Beginn um 1912) war er bereits mit Katia Mann geborene Pringsheim verheiratet. Viele Schilderungen in „Der Zauberberg“ gehen auf Erzählungen Katia Manns zurück. Sie verbrachte 1912 mehrere Monate im Waldsanatorium des Prof. Jessen bei Davos als Kurgast, wobei sich der Verdacht auf eine Lungenkrankheit glücklicherweise nicht bestätigte. Hier besuchte sie ihr Mann auf drei Wochen, und sie erzählte ihm alle die kleinen Geschichten, die er schließlich in sein großes Epos über Leben, Sterben und Tod einflocht.

Musik spielt im Roman „Der Zauberberg“ an zwei Stellen eine Rolle, allerdings in ganz unterschiedlicher Weise:

Am Anfang des Roman steht die Musik für Abwechslung und Unterhaltung. Alle vierzehn Tage sorgt im Sanatorium Berghof, wo Hans Castorp und sein Vetter Joachim Ziemßen sich aufhalten, Kurmusik für „Abwandlungen des Normaltages“, wie Thomas Mann schreibt. Denn der Normalalltag war in einem Sanatorium recht eintönig: Er gliederte sich durch Mahlzeiten, Spaziergänge und stundenlange Liegezeiten auf dem Balkon. Alle besonderen Vergnügungen, zum Beispiel der Tanztee in Davos-Platz, waren Patienten verboten; dort schlich man sich höchstens heimlich hin. Und so schildert Thomas Mann den Konzerttag im Sanatorium als Festtag: „Gleich nach dem zweiten Frühstück begann die Kurmusik auf der Terrasse; allerlei Blech- und Holzbläser fanden sich dort ein und spielten abwechselnd flott und getragen, fast bis zum Mittagessen.“ Die Musik, so die weitere Darstellung, schaffte viel Frohsinn, und mit der Liegekur wurde es an diesem Tag nicht so genau gehalten. Derartige Konzerte sind von allen Kurorten bekannt. Sie waren unterhaltsam und heiterten die kranken bzw. erholungsbedürftigen Kurgäste auf. Die Stücke, welche gespielt wurden, zählten zur leichten Muse.

Um eine ganz andere Musik handelt es sich im Kapitel „Fülle des Wohllauts“ am Ende des Romans. Im Sanatorium Berghof war ein Grammophon für den Gesellschaftsraum angeschafft worden. Hans Castorp, der Musik liebt, nimmt sich schon bald der Plattensammlung an. Wenn alle anderen Gäste bereits zu Bett gegangen sind, genießt der junge Mann ganz alleine die traurigen Geschichten, die ihm aus dem Trichter entgegenschallen. Es handelt sich um Liebe und Tod von Aida und Radames in Giuseppe Verdis Oper „Aida“. Die Liebenden werden am Ende eingemauert und singen sich zusammen in einem wunderbaren Duett in den Tod. Besonders liebt Hans Castorp auch die leidenschaftlichen Gesänge von Carmen und José; Eifersucht führt in Georges Bizets Oper „Carmen“ zuletzt zur Ermordung der Protagonistin. Sehr traurig ist die Weise vom Lindenbaum in der „Winterreise“ von Franz Schubert. Der Text stammt von Wilhelm Müller:

„Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum
Ich träumt in seinem Schatten
So manchen süßen Traum ....“
Und das Lied endet:
„Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von jenem Ort
Und immer hör ich’s rauschen
Du fändest Ruhe dort
Du fändest Ruhe dort.“

Liebe und Tod sind die Themen von Hans Castorps Lieblingsplatten. Hier ging es nicht mehr um erheiternde Unterhaltung, sondern um die Spiegelung des Lebens im Kunstlied. Nur wenige Seiten später endet der Roman in den Schützengräben des großen Krieges. Hans Castorp wird 1914 Soldat, das Lied vom Lindenbaum begleitet ihn in eine unbekannte Zukunft.

2. Musik und Medizin seit der Antike

Musik spielt in der Heilkunde bereits seit Jahrtausenden eine bedeutende Rolle. Die „alte Medizin“, wie die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts dominante Heilkunde im Unterschied zur modernen naturwissenschaftlichen Medizin genannt wird, ging von einer ganzheitlichen Behandlung des kranken Menschen aus. Das bereits in den hippokratischen Schriften vorgestellte medizinische System zeigt den Menschen durch vier Säfte (lateinisch humores / Humor) bestimmt. Nämlich Blut, lateinisch sanguis. Der Sanguiniker ist ein Mensch mit einer überströmenden Fülle Blutes. Er ist typischerweise jung und fröhlich. Dagegen macht ein Überfluss an gelber Galle (griechisch cholé) den Menschen zu einem zornigen Wesen, eben einem Choleriker. Die schwarze Galle, die es nur in diesem theoretischen System, nicht aber wirklich gibt, heißt griechisch melaina cholé und begründet im Übermaß die Schwermut oder Melancholie. Der vierte Saft ist das Phlegma, zu deutsch Schleim. Phlegmatiker zeichnen sich durch besondere Trägheit aus.

Während Sanguiniker als gesunde Menschen galten, konnten die drei anderen Säfte zu schweren körperlichen, psychischen oder psychosomatischen Leiden führen. Ein Übermaß an schwarzer Galle zum Beispiel sammelte sich in der Milz, also im Unterleib; man sprach auch von einer Milzkrankheit. Drückte der schwarze Saft nach oben, konnte es zu Brustweh, Atemnot und schließlich zur Verstopfung der Gehirnventrikel kommen. Im Kopf wurden bereits in der Antike die Verstandeskräfte lokalisiert. Die melaina cholé führte hier entsprechend zur Verdüsterung der Vernunft, der Mensch wurde „verrückt“. Die alte Medizin kannte drei Mittel, um einem Ungleichgewicht (griechisch Dyskrasia) der Säfte entgegen zu wirken. Ihr erster Schwerpunkt war die Chirurgie oder Wundarznei: Schlechte oder überflüssige Säfte wurden durch Aderlässe, Schwitzbäder, durch Schröpfen oder Trepanie (Schädelöffnung) abgeleitet. Die Pharmazie, das zweite Standbein der Medizin, kannte stets zahlreiche pflanzliche, mineralische, tierische und sogar menschliche Drogen (Arzneien), mit deren Hilfe man sich erbrach, abführte oder ausschwitzte. Das berühmte Glaubersalz des Dr. Glauber, ein starkes Abführmittel, z. B. wurde bei Melancholie angewandt, um die schwarze Galle loszuwerden. Das dritte Standbein der alten Medizin bildete die Diätetik (griechisch diaeta). Sie war die Lehre vom gesunden bzw. heilsamen Leben. Sechs Grundregeln standen im Zentrum dieser Lehre: Der Mensch benötigt im richtigen Maß frische Luft, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhepausen, Schlaf und Wachstunden, regelmäßige Entleerung und sechstens einen wohltätigen Einfluss auf sein Gemüt, ein seelisches Gleichgewicht.
Von der alten Medizin haben gerade diese diätetischen Hinweise alle Jahrhunderte bis in die heutige Zeit überlebt. Auch moderne Wellness-Programme zielen auf Bewegung, Entspannung und Wohlgefühl, gesunde Ernährung und Entschlackung. Die Musik spielte im Rahmen der Diätetik von Anfang an eine herausragende Rolle, vielfach im Verein mit angenehmen Düften und mit entspannenden Bädern. Eine herausragende Bedeutung hatte Musik stets bei der Behandlung psychischer Leiden ein. Wir kennen aus der Bibel das Lautenspiel Davids, der dem gemütskranken König Saul vorspielt. Die Araber übersetzten in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende antike Medizintexte in das Arabische und fügten dem weitere Erfahrungen ihrer Hochkultur bei. Nicht zufällig schufen sie die ersten Krankenhäuser, darunter auch psychiatrische Einrichtungen. Eines dieser Hospitäler für gemütskranke Menschen stand im 15. Jahrhundert in Erdine westlich von Istanbul. Heute befindet sich in dem alten Hospital ein Psychiatriemuseum, in dem die historische Musiktherapie aus dem Mittelalter nachgeahmt wird.

In der Renaissance fand auch in Süd- und Westeuropa eine Antikenrezeption statt. Sie griff ihrerseits auf arabische Übersetzungen zurück. Die Texte wurden zum Beispiel in Klöstern aus dem Arabischen ins Griechische oder Lateinische zurückübersetzt. Gerade die Diätetik mit ihren sechs Grundregeln spielte in den mittelalterlichen Regimina Sanitatis (Regeln der Gesundheit) und später in den frühneuzeitlichen Lehren vom gesunden Leben, die sich in der so genannten Hausväterliteratur und in Gesundheitskatechismen der Aufklärungszeit finden, eine große Rolle. Auch der Alltag in den alten Hospitälern wurde durch Diätetik bestimmt . In diesen Einrichtungen für Arme und Kranke wurde u. a. täglich gesungen. Christlicher Seelentrost verband sich dabei mit der Freude an schönen Melodien. Im 19. Jahrhundert zog die Instrumentalmusik in Heilstätten aller Art ein. Eine Orgel, ein Harmonium oder ein Klavier befand sich in jedem Sanatorium. Vielerorts spielten Kapellen mit musizierenden Pflegern und Patienten an Tanzabenden oder zu Beerdigungen auf.

Eine Musiktherapie im modernen Sinne wurde allerdings erst im 20. Jahrhundert entwickelt. In den Lazaretten des Ersten und Zweiten Weltkrieges stellte man, so Oliver Sacks in „Der einarmige Patient“, bei amerikanischen verwundeten und kranken Soldaten fest, dass sich ihre Schmerzen, ihr Elend und anscheinend auch ein Teil ihrer ungesunden physiologischen Reaktionen (Pulsfrequenz, Blutdruck und so fort) durch Musik lindern ließen. Ärzte und Schwestern luden in ihre Lazarette Musiker ein, und die Künstler waren gerne bereit, für die Verwundeten zu spielen. Allerdings stellte es sich rasch heraus, dass Begeisterung und Großzügigkeit nicht ausreichten – es war auch eine professionelle Ausbildung erforderlich. Das erste ernsthafte musiktherapeutische Programm wurde in den Vereinigten Staaten 1944 an der Michigan State University entwickelt; 1950 gründete man dann die National Association für Music Therapy.
Heute ist „Musiktherapeut/in“ auch in Deutschland ein regelrechter Beruf. Er spielt in den Bereichen Psychiatrie und Heilpädagogik eine große Rolle. Neuerdings – die Presse berichtete verschiedentlich darüber – wird Musik auch bei operativen Eingriffen in allgemeinen Krankenhäusern eingesetzt und trägt offensichtlich zur Entspannung der Patienten bei. Schließlich wurde auch, zuerst hier in Bad Sulza, die Verbindung von Musik und Heilbaden wiederentdeckt. Die Kombination von Kunst und Wasser hilft, das persönliche Gleichgewicht, griechisch Synkrasia, wiederzugewinnen.

3. Die Geschichte des Kurorchesters

Ein Kennzeichen jedes Kurbadeortes ist der Musikpavillon. Derartige kleine Musiktheater, welche die Musiker vor Wind und Regen schützten, inmitten des Kurparks und möglichst nahe einem Café haben ihren Ursprung allerdings zumeist erst im 19. Jahrhundert. Dass beim Baden (zuerst in so genannten Wildbädern) Musiker aber schon seit der Renaissance für Unterhaltung sorgten, ist den zahlreichen Holzschnitten zu entnehmen, welche Badelust im Bild festhielten. Kleine Musikergruppen, insbesondere Bläser, spielen dabei im Freien neben dem Badebecken auf. Sie sind höchstens durch eine Art Zeltdach gegen die Unbilden der Natur geschützt. Nicht selten badeten die Musici sogar mit; das war, so könnte man sagen, eine Frühform des „Liquid Sound“ - allerdings befanden sich die Instrumente über der Wasseroberfläche. Im 18. Jahrhundert begannen die Trinkkuren am Gesundbrunnen mit heilkräftigem Mineralwasser. Zum Beispiel im Bad Pyrmont der Grafen von Waldeck, wo die Badegäste mit ihren Trinkbechern zu bestimmten Tageszeiten die Allee hinauf und hinunter spazierten. Musiker stellten sich als Ensemble am Gehweg auf und erhielten zum Dank für ihre Darbietung eine Geldspende. In der Kurtaxe von Bad Ischl war Mitte des 19. Jahrhunderts die Bezahlung für Musik eingeschlossen. In der Kurtaxordnung heißt es: „Bei der Ankunft wird dem Badegast von der Bademusikgesellschaft ein Ständchen gebracht, wobei es dem Badegast freisteht dasselbe anzunehmen.“ In Karlsbad war es der Brauch, bei Ankunft der Kurgäste vor der Wohnung, in der sie abstiegen, ein Abendständchen zu geben.

Wer waren die Musiker: Goethe vermerkte 1785 in seinem Ausgabenbuch: „Den Musicis vors Blasen am Sprudel 1 fl. [Gulden], den Harfenisten 20 kr. [Kreuzer]“. Bläser und Harfespieler waren demnach vor Ort. 1799 bestand ebenda das Karlsbader Theaterorchester bereits aus einem Violonisten, zwei Klarinettisten, zwei Waldhornbläsern und einem Fagottisten. Dies waren professionelle Musiker, die durch weitere Instrumentalisten aus der Umgebung Karlsbad unterstützt wurden. Üblicherweise waren die Musiker Männer, in Karlsbad jedoch spielte gelegentlich der Harfenist Schlofer mit seiner Tochter. Das Repertoire bestand vermutlich aus volkstümlichen, also böhmischen Weisen. Erschien ein fürstlicher Badegast am Brunnen, so wurde er allerdings zünftig mit Pauken und Trompeten empfangen. Das tägliche Einsammeln von Geld mit einem Notenblatte wurde zunehmend lästig. Eine Alternative bot in Baden bei Wien seit 1830 das „Subskriptionsbuch zur Unterhaltung“. Die Namen der Badegäste waren schon eingetragen, jeder Badegast konnte seinen Geldbetrag hinzufügen. Demselben Buch ist die Zusammensetzung des Badener Brunnen-Orchesters zu entnehmen: 2 Violinen, eine Alto Violine, 1 Klarinette, 1 Traversflöte und 2 Waldhörner; am Sonntag kam u. a. eine Pauke hinzu. Nun bestand das Orchester immerhin aus 16 Mann. Ohne Frage waren Bläser beim Spielen im Freien besonders wichtig, da sie am robustesten und klagvollsten waren .

Das Tagesgeschäft der Musiker während der Kurzeit war anstrengend. Sie mussten vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein auf dem Posten sein. Es begann um 7 Uhr früh mit einem Konzert am Brunnen, dann war Probenzeit; am Nachmittag fand ein Konzert im Freien statt und abends folgten Konzert oder Theater im Kursaal oder Kurtheater. Hinzu kamen außerordentliche Dienste bei Geburtstagen, Anreise oder Abreise etc.

Dies waren auch die Anfänge der später weithin berühmten Kurorchester von Karlsbad und Baden bei Wien. Im 19. Jahrhundert verbesserte sich das Niveau dort erheblich, wo führende Komponisten-Dirigenten im Sommer die Kurorchester leiteten. Ja, nicht wenige Orchesterleiter schrieben sogar eigene Stücke für das Brunnenorchester. Zum Beispiel Johann Strauß Sohn, der Walzerkönig, der regelmäßig in Baden bei Wien dirigierte und eigene Kompositionen als „Souvenir de Baden“ vortrug. Tagsüber bestand die Kurmusik allerdings vielerorts aus leichten Potpourris mit Volksweisen, Tänzen und Militärmärschen. Die Musik am Abend im Kurhaus konnte dagegen mit Kompositionen von Gluck bis Richard Wagner schon sehr anspruchsvoll sein, es sei denn ein Tanzabend war angesagt.

Bis heute spielen an Kurorten Kurkapellen auf. Nur teilweise ist die Situation jedoch noch dem 19. und frühen 20. Jahrhundert vergleichbar. Vielfach wird nur noch am Wochenende aufgespielt; nicht selten handelt es sich um zusammengewürfelte Orchester, wegen der relativ schlechten Bezahlung stammen die Musiker zumeist aus ärmeren europäischen Ländern. Statt Lifemusik ist teilweise Musik aus der Konserve zu hören. Es wäre schade, wenn eine jahrhundertealte Tradition des lebendigen Musizierens zur Kur verloren ginge.

4. Goethes Kurbäder und die Musik

Das Kuren spielte in Goethes Leben eine große Rolle. Insbesondere in den Jahre 1785 bis 1823 brach er fast jährlich am Ende des Sommers von Weimar zu einem Badeaufenthalt auf. Über 20 Mal hielt er sich in Böhmen (Karlsbad, Marienbad, Franzensbad und Teplitz), zweimal in Wiesbaden, einmal in Bad Pyrmont und je einmal in der näheren Umgebung Weimars, nämlich in Bad Berka, Bad Tennstedt und Bad Lauchstädt auf. Dass der Geheimrat eher fernliegende Badeorte aufsuchte, ist verständlich: wollte er sich doch wie andere von den Tagesgeschäften erholen. Und er nahm überdies seit der Mitte seines Lebens das Kuren ernst; er litt immer wieder an Harnsteinen und neigte überdies zum Bluthochdruck. Sein Tag im Kurbad war daher streng diätetisch geregelt: Er nahm Bäder, trank Heilwasser und entsagte dem Alkohol und schweren Essen; und er unternahm zahlreiche Spaziergänge und Spazierfahrten. Nie beließ es Goethe jedoch beim Urlauben, stets hatte er Arbeitsvorhaben bei sich. Wir werden darauf zurückkommen.

Selbstverständlich gehörten zum Kurbad auch für den Dichter Musik und Tanz. Man traf sich am Brunnen, sah und wurde auf der Allee gesehen. Und dass Goethe gerade in diesen Zeiten der Entspannung gerne Äugelchen bei den schönen Damen aus Adel und Bürgertum machte, ist leidlich bekannt. Goethe war ein recht guter Tänzer und scheint sich sogar im modischen Walzer geübt zu haben. Dies schildert jedenfalls Martin Walser in seinem vielbeachteten Goetheroman „Ein liebender Mann“ (2008). Der 74-jährige Goethe tanzt mit der gerade 19-jährigen Ulrike von Levetzow. Man besucht zusammen zahlreiche Feierlichkeiten, bei denen die Musik nie fehlt. Musik zum Zuhören oder als Tanzmusik war für Goethe, wie für alle anderen Kurgäste der besseren Gesellschaft, Teil des Badealltags.
Aber Goethes Beschäftigung mit der Musik ging während seiner Kurwochen immer wieder auch über die reine Unterhaltung hinaus. Goethe hat sich bekanntlich sein Leben lang intensiv der Musik gewidmet. Er spielte Klavier und Cello, führte in Weimar Opern, vor allem diejenigen Mozarts, auf, schrieb selbst Singspiele und legte großen Wert auf die Vertonung seiner Gedichte. Zum Beispiel durch Carl Friedrich Zelter, den Leiter der Berliner Singakademie, mit dem er über Jahrzehnte korrespondierte. Im Jahre 1814 nutzte Goethe seinen Aufenthalt in Bad Berka, um sich beim dortigen Bürgermeister, Organisten und Badmeister Schütz ausgiebig Musik Johann Sebastian Bachs vorspielen und erläutern zu lassen. An anderen Orten, vor allem in Böhmen, lernte er musizierende Künstler und Künstlerinnen kennen, die sich der vornehmen Kurgesellschaft bekannt machten. Sehr wichtig wurde für ihn im Sommer 1823 nach dem in Marienbad von Ulrike von Levetzows abgelehnten Heiratsantrag das Klavierspiel der polnischen Pianistin Maria Szymanowska. Als Widmung schrieb er ihr ins Stammbuch:

„Trüb ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen!
Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön um Töne
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ewger Schöne;
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götterwert der Töne wie der Träne ....“


Dass Goethe beim Spiel der Szymanowska Tränen in den Augen hatte, ist überliefert. Er lud sie nach Weimar ein. Sie tröstete ihn musikalisch auch dort, als er im folgenden Winter einen schweren körperlichen und seelischen Zusammenbruch erlitt.

Unter den vielen Kurbekanntschaften Goethes ragte Ludwig von Beethoven heraus. Goethe traf 1812 in Teplitz mit ihm zusammen. Ein Jahr zuvor war Beethovens Egmont-Ouvertüre mit einem herzlichen Begleitschreiben des Komponisten am Frauenplan eingetroffen. Über die Begegnung der beiden Giganten in den Kuranlagen von Teplice ist viel geschrieben worden. Es wäre aber zu einfach, Goethe als steifen Höfling und Beethoven als freien bürgerlichen Künstler zu sehen. Beethovens Genie stand für Goethe ganz außer Frage, Expressivität und Direktheit seiner Musik waren für ihn allerdings neuartig und ließen sich schwer mit seinem im 18. Jahrhundert entwickeltem Musikgeschmack vereinen. Immerhin sagte er Beethoven ein Gedicht zur Vertonung zu, lieferte dies jedoch nie. Menschlich rührte ihn das Leiden Beethovens, seine zunehmende Schwerhörigkeit, an. Er litt mit dem einsamen Künstler.
In den literarischen Werken Goethes spielt Musik bekanntlich eine prominente Rolle. Teile des Bildungsromans „Wilhelm Meister“ entstanden während der Kuraufenthalte. Das Spiel des melancholischen Harfners und der Tanz der Mignon gehören zu seinen wichtigsten Episoden. Auch der Eheroman „Die Wahlverwandtschaften“, ebenfalls bei Kuraufenthalten fortgeschrieben, nutzt die Musik um Menschliches auszudrücken: Die Neugruppierung der vier beteiligten Menschen wird dem Leser bzw. der Leserin durch Goethes Schilderung der abendlichen Hausmusiken deutlich; der Ehebruch beginnt mit dem harmonischen Zusammenspiel Eduards und Ottiliens, letztere die Nichte seiner Gemahlin.

Zuletzt sei noch auf Goethes Tonlehre verwiesen. Sie entstand in Gesprächen mit Zelter während Goethes Badeaufenthalt in Teplitz 1810. Die Systematik der Tonlehre lehnt sich eng an Goethes Farbenlehre an. Wie die Farben, so bezog er auch die Töne auf den Menschen. Die polare Beziehung von Dur und Moll erschienen ihm anthropozentrisch als ein Sich-Trennen und Sich-Vereinigen. Besonders originell ist Goethes Annahme, der musikalische Rhythmus stehe in Beziehung zu den unbewussten rhythmischen Bewegungen im Körper, etwa dem Herzschlag. Diese Überlegungen mit Wurzeln in der Antike spielen auch in der modernen Musiktherapie eine wichtige Rolle. Immerhin war Goethe seine Tonlehre so wichtig, dass er den Plan neben eine Karte über die Gesteinsarten an die Wand seines Schlafzimmers hängen ließ (und die Mineralogie war bekanntlich Goethes Lieblingsfach). Dort im Goethehaus am Frauenplan können Sie die Tonlehre noch heute studieren.


5. Musik in Kuranstalten des 19. Jahrhunderts

Viele der großen Kurbäder des 19. Jahrhunderts waren zugleich Zentren musikalischer Hochkultur. Baden bei Wien, Baden-Baden, Karlsbad und Bad Ems, auf das ich im Folgenden eingehen möchte, um nur einige bekannte Bäder zu nennen, boten erstklassige Konzerte an.

Bad Ems liegt an der Lahn zwischen Weilburg und Koblenz. Die schönen hellen Kurgebäude, zahlreiche Villen, die als Hotels oder Pensionen den Kurgästen noch heute Unterkunft bieten, der Kurpark, eine Seilbahn auf den nahen Ausflugsberg, der Kurbahnhof und Kirchen unterschiedlicher Konfession verweisen auf den gesellschaftlichen Rang, den dieses Kurbad einst besaß. Theodor Fontane wählte nicht zufällig Bad Ems als Erholungsort für seine kränkliche Effi Briest, denn jedem Leser, jeder Leserin war am Ende des 19. Jahrhundert dieser gesellschaftlich herausgehobene Ort ein Begriff. Auch heute noch ist Bad Ems ein sehr ansprechender Erholungsort, wo man sich vom Stress unserer mobilen Welt erholen, baden, Heilwasser trinken und Musik hören kann.

Noch um 1800 war Ems an der Lahn allerdings ein bescheidener Badeort. Hessen-Darmstadt und Nassau-Oranien teilten sich die Herrschaftsrechte. Im Zuge der napoleonischen Rheinbundgründung gelangte das ganze Kurbad an das Herzogtum Nassau, das dessen Entwicklung nun tatkräftig förderte. 1866 wiederum fiel Nassau zusammen mit Kurhessen an Preußen. Ab sofort kamen Kurgäste nicht nur aus Frankreich und Russland, sondern vor allem aus Berlin. Unter den über 12.000 Kurgästen, die sich jährlich in Ems einfanden, befand sich auch der preußische König. Wilhelm I. war ab 1871 zugleich deutscher Kaiser. Den Anstoß zur Reichseinigung „durch Blut und Schwert“ gab nicht zufällig die bekannte „Emser Depesche“. Bismarck provozierte mit dieser verschärften Stellungnahme zum spanischen Erbfolgekrieg eine Kriegserklärung durch Napoleon III.; der Deutsch-Französischen Krieg begann. „Emser Depesche“ – man war im Sommer 1870 natürlich in Ems.

Wir gehen jedoch im Folgenden in die nassauische Zeit zurück, als Ems noch Klein-Paris genannt wurde. „’Man’ sprach Französisch hier, und alles, was in der literarischen und künstlerischen Welt an der Seine Rang und Namen hatte, kam im Sommer an die grüne Lahn, machte hier Ferien und die Kur.“ (Hans Roth: Jacques Offenbach und Bad Ems, Bad Emser Hefte Nr. 126, 1994, S. 57) Selbstverständlich waren zahlreiche Theaterschreiber und Komponisten darunter, die Bad Ems immerhin 25 französischsprachige Uraufführungen erleben ließen. Ein ganz Großer unter ihnen war: Jacques Offenbach. Er wurde 1819 in Köln geboren. Sein Vater war Vorbeter an der Kölner Synagoge. Dieser erkannte die musikalische Begabung seiner Söhne Jakob (Jacques) und Julius (Jules) und brachte sie nach Paris auf das Konservatorium. Jacques Offenbach wurde in Paris Cellist, dann Kapellmeister an der Comédie-Française. Zu seinen großen Kompositionen gehören zahlreiche Opern und Operetten, darunter „Hoffmanns Erzählungen“.

Von Paris kam Jacques Offenbach zwischen 1858 und 1870 zehnmal nach Ems. Er schrieb hier große Teile der zwei ersten Operetten, die das Jahrhundert der leichten Muse einleiteten: „Orpheus in der Unterwelt“ (1858) und „Die schöne Helena“ (1864). Seinen Librettisten hatte er dabei. Zugleich verdiente Offenbach in Ems auch als Dirigent sein Geld. Am 15. Juli 1858 wurde in der Emser Kur- und Fremdenliste, einem Journal, das alle neugierigen Gäste des Bades lasen, angezeigt: „Cursaal d’Ems. Les Bouffes Parisiens sous la direction de Monsieur J. Offenbach donneront leur Première Représentation, le 31 Juillet.“ Offenbach hatte sein Orchester mit 21 Künstlern also mitgebracht. Die Reise konnte man damals über Köln und Aachen bereits mit der Eisenbahn machen. Auf dem Programm standen am 31. Juli 1858 verschiedene heitere Stücke von Offenbach, die bereits in Paris aufgeführt worden waren. Die Eintrittspreis zwischen einem und zwei Gulden sorgten für ein illustres Publikum. Weitere Aufführungen wurden gewünscht. Immerhin kam es in den folgenden Jahren auch zu sieben Uraufführungen Offenbachscher Ein- und Zweiakter unter der persönlichen Stabführung des Meisters. In der „Chronique d’Ems“ (Bad Emser Chronik) war 1861 zu lesen: „Die Eröffnung des Emser Theaters ist das Ereignis der Woche. Niemals sah man bisher, nach der Angabe langjähriger Badegäste, einen gleich starken Zustrom zu dem weiten Salon des Kursaals. [...] Nichts fehlt mehr der hübschen Kursaalbühne, sie ist mit ausgezeichnetem Geschmack ausgestattet [...] Das Elitepublikum, das den Saal füllte, hat stark applaudiert, mit den aristokratischen Händen von Europa [...] Mlle Coustay (offensichtlich die Sängerin – C.V.) trug zum Entzücken aller exquisite Toiletten, von den ersten Modehäusern von Paris . [...] Dies sind hier Abende von Erstaufführungen für das Reisepublikum, das aus allen Ecken Europas nach Ems kommt ...“

Jacques Offenbach fühlte sich trotz dieses Glamours in Bad Ems offensichtlich sehr wohl. In einem Brief betonte er: „Ich gestehe, dass ich für Ems eine ganz besondere Vorliebe habe. Ich verdanke diesem Ort sowohl Gesundheit (Offenbach litt an Gicht – C.V.) als auch eine gewisse Inspiration. Es war zu Ems, wo ich einen Teil des Orpheus gemacht habe, ein wenig von Fortunio und viel von ‚Les Bavards’ (ein Zweiakter) Und dann gefällt mir auch Ems wegen der Einfachheit, die hier noch regiert ... Weder haben es bereits der Luxus noch die jugendlichen Nichtstuer überschwemmt.“ Ein Freund fügte dem allerdings später hinzu: „In Ems gab es auch das Roulette, für das Jacques eine strafbare Schwäche hatte.“ Auch verschiedene Techtelmechtel Offenbachs, die in Kurbädern üblichen Kurschatten, sind natürlich nicht zu vergessen.

Am 18. Juni 1870 traf Offenbach zum letzten Mal in Ems ein. Am 19. Juli erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Offenbach, der in Frankreich lebende Deutsche, musste sich entscheiden. Er ging zurück nach Paris. Seine Stücke wurden allerdings auch nach 1871, nun aber von einer deutschen Theatertruppe und in deutscher Sprache, gespielt.

Heute bildet das einstige Wirken Jacques Offenbachs in Ems den Ausgangspunkt, um jedes Jahr im Kurort an der Lahn das „Jacques Offenbach Festival“ zu veranstalten. Die Gäste sind nicht mehr so exklusiv, sie leiden auch nicht mehr an den für das 19. Jahrhundert typischen Gebrechen, z. B. der Lungentuberkulose, aber sie erfreuen sich sicherlich gleichermaßen am Zusammenspiel von Kuranwendungen, Ausflügen in die schöne Umgebung von Bad Ems und den abendlichen musikalischen Genüssen.

6. Der einarmige Pianist – Neurologie und Musik bei Oliver Sacks

Über die Zusammenhänge zwischen dem menschlichen Gehirn und musikalischer Empfindung bzw. aktivem Musizieren wird heute vielseitig geforscht. Einer der Neurologen, der für ein breites Publikum zu diesen Fragen schreibt, ist Oliver Sacks, geboren 1933 in London. Er praktiziert heute als Arzt in New York City. Seit 2007 ist er zugleich Professor an der dortigen Columbia Universität. Der Titel seines Buches „Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn“, 2008 im Rowohlt Verlag erschienen, spielt auf die Geschichte des Pianisten Paul Wittgenstein an, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verlor. Der Musiker wollte jedoch seinen Beruf fortsetzen. Und dies gelang ihm auch, denn große Komponisten wie Benjamin Britten, Paul Hindemith, Richard Strauß und Maurice Ravel schrieben eigens für ihn Stücke für die linke Hand. Paul Wittgenstein blieb ein erfolgreicher Pianist.

Diese Geschichte ist für Oliver Sacks ein Aufhänger, um in den weiteren Kapiteln seines Buches Menschen aus seiner ärztlichen Praxis vorzustellen. Es sind Patienten, die nach einer Hirnverletzung ihre Musikalität verloren, und andere Patienten, die durch eine solche Verletzung erst Musikalität entwickelten. Sacks gelingt es dabei, jeweils nicht nur das Organ „Gehirn“, sondern den ganzen Menschen mit seinen Lebenserfahrungen und Sehnsüchten vorzustellen.
Einige Geschichten, in denen Musik heilsam wirkte, möchte ich Ihnen vorstellen:

Sprechen und Sehen: Aphasie und Musiktherapie (S. 239 ff.). Es geht um den Patienten Samuel S., der einen Schlaganfall erlitten hat. Trotz einer intensiven Sprachtherapie ist er noch zwei Jahre später sprachlos. Der Umschwung erfolgte durch ein neues Konzept der Musiktherapeutin. Diese hörte ihn vor der Klinik singen „Ol’ Man River“, mit viel Gefühl, aber nur wenigen verständlichen Worten. Fortan sang die Therapeutin mit ihm, bis sich alle Wort von „Ol’ Man River“ gefunden hatten. Es folgten weitere Balladen und Lieder. Nach zwei Monaten konnte er kurze Antworten auf Fragen geben. Sacks erklärt den Vorgang folgendermaßen: „Häufig sprechen Neurologen von einem ‚Sprachareal’ in der prämotorischen Region des dominanten (gewöhnlich linken Temporallappens) des Gehirns. Wenn ein bestimmter Teil dieser Struktur, ein Areal, das erstmals 1862 von dem französischen Neurologen Paul Broca lokalisiert wurde, durch eine degenerative Erkrankung, einen Schlaganfall oder eine Hirnverletzung geschädigt wird, kann eine expressive Aphasie, ein Verlust der gesprochenen Sprache also, die Folge sein. [...] Wir sind eine sprachliche Spezies – wir halten uns an die Sprache, um auszudrücken, was wir denken [...] Die Sprache selbst ist nicht nur eine Folge sinnvoll geordneter Wörter – sie hat Modulationen, Intonationen, Tempo, Rhythmus und ‚Melodie’. [...] Patienten mit einer sogenannten nichtflüssigen Aphasie haben nicht nur eine Störung der Semantik und Grammatik, sondern auch das Gefühl für die Rhythmen und Modulationen des Sprechens ‚vergessen’; daher der abgehackte, unmusikalische, telegrafische Stil ihrer Sprache [...] In der Regel profitieren diese Patienten am stärksten von der Musiktherapie [...].“ Möglicherweise können durch die Musiktherapie, so Sacks in einem späteren Abschnitt, „Kortextregionen, die zuvor gehemmt, aber nicht zerstört waren, ent-hemmt werden, das heißt, durch die Wiederbelebung der Sprache mobilisiert werden, auch wenn es sich nur um eine automatische, in Musik eingebettete Sprache handelte.“ (S. 244)

Im Jahre 1966 lernte Oliver Sacks in einem Pflegeheim in der Bronx Überlebende der Enzephalitis lethargica kennen, der epidemischen Schlafkrankheit, die sich kurz nach dem Ersten Weltkrieg auf dem ganzen Erdball ausbreitete; einige der Parkinsonpatienten befanden sich ständig in einem Starrezustand (S. 274 ff.). Eine Medikation gab es zu dieser Zeit nicht, aber es wurde beim Personal schnell deutlich, dass Musik Bewegungen auslöste und auch den gestörten Sprachfluss regulieren konnte. Musiktherapie ist seitdem bis heute ein Thema der Parkinsonbehandlung geblieben.

Auf ein ganz aktuelles Thema verweist Oliver Sacks in seinem Kapitel „Musik und Identität: Demenz und Musiktherapie“ (S. 365 ff.). Etwa die Hälfte der fünfhundert neurologischen Patienten in Sacks Krankenhaus leiden an Demenzen verschiedener Art, insbesondere infolge der Alzheimer-Krankheit. Bei diesen bleibt die Reaktion auf Musik erhalten, selbst wenn die Demenz weit fortgeschritten ist. Allerdings, so Sacks, „ist die therapeutische Rolle der Musik bei Demenz ganz anders als bei Patienten mit Bewegungs- oder Sprachstörungen. Musik, die beispielsweise Parkinson-Patienten helfen soll, muss einen klaren rhythmischen Charakter haben, braucht aber nicht vertraut oder erinnerungsträchtig zu sein. Bei Aphasikern sind Lieder mit Texten oder intonierten Redewendungen und Interaktion mit einem Therapeuten unbedingt erforderlich. Das Ziel der Musiktherapie bei Demenz-Patienten ist viel umfassender – sie versucht, sich an die Gefühle, die kognitiven Fähigkeiten, die Gedanken und Erinnerungen, an das erhalten gebliebene ‚Selbst’ des Patienten zu wenden, um sie anzuregen und zutage zu fördern. Die Existenz des Patienten soll bereichert und erweitert, Freiheit , Stabilität, Organisation und Fokus vermittelt werden.“ (S. 366 f.) Denn musikalische Wahrnehmung, musikalische Empfänglichkeit, musikalische Emotion und musikalisches Gedächtnis können bei Demenz noch erhalten sein, wenn andere Gedächtnisformen schon längst verschwunden sind. (S. 367)

Eine längere Tradition besitzt die Musik als Antimelancholikum. Aber nicht jede Musik wirkt in jeder Lage. So erlebte Oliver Sacks dies persönlich, als er nach dem Tod seiner Mutter in eine Depression gefallen war. Sacks, ein großer Liebhaber klassischer Musik, freute sich auf den Vortrag von Schuberts Winterreise durch den großen Bariton Dietrich Fischer-Dieskau in der Carnegie Hall. Es war das Jahr 1973. Aber die Musik erreichte ihn in seiner Erstarrung nicht. Dennoch kommt der Autor zu dem Schluss (S. 330): „Die Musik nimmt insofern eine Sonderstellung unter den Künsten ein, als sie vollkommen abstrakt und gleichzeitig zutiefst emotional ist. [...] Musik kann direkt zum Herzen sprechen; sie bedarf keiner Vermittlung. Wir brauchen nichts über Dido und Aeneas zu wissen, um von ihrem Klagelied für ihn ergriffen zu sein. Und schließlich gibt es da noch ein tiefes und rätselhaftes Paradoxon, denn während solche Musik einerseits den Schmerz und Kummer vertieft, bringt sie andererseits Trost und Erbauung.“

7. Liquid Sound – Musik und Wellness heute

Wenn ich abschließend über den „Liquid Sound“ spreche, den Sie hier in Bad Sulza genießen können, so erlaube ich es mir, mich an den Ausführungen zu orientieren, die Marion Schneider vor einiger Zeit in englischer Sprache zu diesem Thema machte. Die Idee zum “Liquid Sound®” hatte vor inzwischen rund zwanzig Jahren Micky Remann, der heutige „Maître Culture“ und Medienkünstler in Bad Sulza. Er verband die heilsame Wirkung körperwarmen Solewassers und den Effekt angenehm farbig getönten Lichts mit stimulierender Unterwassermusik. Allerdings wollte Remann zunächst gar kein neues Heilmittel erfinden; er interessierte sich schlicht für den Gesang der Wale unter Wasser. Bald aber zeigte es sich, dass dieses Baden im Licht mit Musik nicht nur sehr angenehm, sondern auch durchaus von therapeutischem Wert ist. Durch die Verbindung bzw. das Zusammenspiel von Wasser, Musik und Licht entstand ein neuartiges, besonders entspannendes Klima. Diese besondere Wirkung von Liquid Sound nahmen glücklicherweise schon bald auch medizinische Fachleute wahr, die dem Klinikzentrum Bad Sulza zur Seite standen. Denn in Bad Sulza handelt es sich nicht nur um eine sehr schöne Wellnessanlage; hier befindet sich auch Rehabilitationszentrum zur Behandlung von Patienten, die an chronischen Krankheiten leiden, insbesondere an Schuppenflechte und anderen atopischen Ekzemen, an Atemproblemen, Rheumatismus, Dauerschmerzen, Allergien und psychosomatischen Leiden. Viele dieser Patienten haben mehrere Krankheiten, die gleichzeitig behandelt werden müssen. Es ist auf diesem Hintergrund sehr wichtig für das Klinikzentrum Bad Sulza, dass über die ärztliche Behandlung und psychologische Beratung hinaus Musik und Kunst in das Behandlungskonzept einbezogen werden. Der Patient oder die Patientin erfährt in dieser ganzheitlichen Therapie nicht allein die Zuwendung von Therapeuten, sondern erlebt zugleich sich selbst, den eigenen Körper in einem positiven Sinne. Das Selbstbewusstsein verbessert sich deutlich. Zunächst, also Anfang der 1990er Jahren, konnte in Bad Sulza das „Baden in Licht und Musik“ nur ein zusätzliches Angebot darstellen, war es als Therapeutikum doch noch nicht erprobt und anerkannt. Nachdem die Patienten selbst allerdings immer wieder über den positiven Effekt des Badens mit Liquid Sound berichtet hatten, griffen Fachleute das Angebot auf und bezogen Liquid Sound® in das reguläre Behandlungsprogramm ein. Die besondere, gleichsam schwebende, gelegentlich auch klassische Musik in Verbindung mit dem warmen Salzwasser eröffnete den Kranken neue Wege der Entspannung. Ganz im Sinne der seit der Antike überlieferten Diätetik sollen bei Liquid Sound® Musik und Wasser nicht unbedingt eine spezifische Krankheit heilen, sondern sie sollen wohltuend auf den ganzen Menschen wirken und damit seine Selbstheilungskräfte unterstützen. Das Bad im Liquid-Sound-Tempel, dies haben erste psychologische Studien inzwischen gezeigt, führt zum Rückgang von Stresssymptomen und lindert Dauerschmerz; es wirkt als Anti-Melancholikum und kann eine Art entspannender Trance einleiten; es ist erfolgreich bei Schlafstörungen und hilft durch Entspannung nicht zuletzt bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Rückmeldungen von Patienten zeigen, dass viele die innere Balance wieder gewinnen, sich nachhaltig entspannen, zur Ruhe gekommen und eigene Perspektiven entwickelten.

Auch diejenigen, die nur in die Toskana-Therme kommen, um sich vom Alltagsstress zu erholen, können das gut nachvollziehen. Wir fühlen uns im körperwarmen Wasser bei angenehmem Licht und entspannend-aufmunternder Musik einfach wohl und kommen, wie man treffend sagt, wieder zu uns. Es wundert daher auch nicht, das Micky Remanns Konzept des Liquid Sound® längst den Siegeszug über das thüringische Bad Sulza hinaus angetreten hat. In Berlin befindet sich bereits seit mehreren Jahren das Liquidrom . Eine Dependance Bad Sulzas steht in Bad Schandau an der Grenze zu Tschechien. Auch im neuen Wellnessbad in Bad Orb im Grenzbereich zwischen Hessen und Bayern wird Liquid Sound® in Kürze eingeführt werden.

Bereits Geheimrat Goethe, als Minister für das Bergwesen in Sachsen-Weimar zuständig, wusste, dass das Quellwasser in Sulza für Haut und Atemwege gesund ist. Hätte er doch die heutige Toskana-Therme noch kennen lernen können: er wäre bei Musik von Bach, Beethoven, Mozart und Zelter, nicht zu vergessen den Gesang der Wale, sicherlich sehr gerne hier zu Gast gewesen.

   
           
               
         

 

   
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